Lisa Röing Baer

Column

4.12.2025

4.12.2025; 5 - 9 pm

‚Cause I’m as free as a bird now
And this bird you cannot change
Lord knows I can’t change

Als Golden Spikes werden in der Geografie jene Referenzpunkte bezeichnet, an denen sich eine neue geologische Epoche im Sedimentgestein besonders gut nachweisen lässt. Sie bestehen ausschließlich aus Gesteinen, die während eines bestimmten Erdzeitalters entstanden sind. Für das sogenannte Anthropozän wurde bis heute nicht ein Golden Spike von der Wissenschaft wissenschaftlich anerkannt.

Anlässlich ihrer ersten Monografie präsentieren wir die Ausstellung column von Lisa Röing Baer. Im Zentrum der Ausstellung steht die Publikation Der Boden knirscht unter meinen Füßen – konzeptionell sowie räumlich. Das Buch vereint 15 Jahre analoge Fotografie, eine autofiktive Kurzgeschichte und theoretische Texte. Ihr Umgang mit dem Medium Buch ist analytisch. Einzelne Elemente werden bewusst umgedeutet und aktiviert: Auf dem Cover ist eine Ölpumpe abgebildet, das Motiv taucht im Innenteil nicht mehr auf. Das Cover ist also nicht, wie gewöhnlich, eine Vorschau, sondern fungiert als Linse durch die sich die Leseweise des Buches verschiebt. Die Ausstellungsarchitektur lehnt sich an das historische Konzept der conversation chairs an: Sitzmöbel, die Interaktion zwischen Sitzenden anregen sollen. Auf Podesten liegt die Publikation bereit und lädt zum Durchblättern ein.

Ein Relikt ist etwas Eingefrorenes, eine Hinterlassenschaft aus der Vergangenheit. Aber was ist dann das Alte, das noch besteht, das wie Kaugummi an der Schuhsohle klebt? In Röing Baer’s Fotografien tauchen urbane Räume, Konsumwelten und beiläufige Gesten auf. Es sind Spuren eines Alltags in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander greifen. Während sich das Zukunftsversprechen der Petromoderne in Krisen auflöst, besteht unser Alltag scheinbar unverändert fort.

Die Wandarbeiten funktionieren als visuelle Kommentare auf das Buch sowie auch als manual zum Betrachten. Sie greifen immer wieder Details der Fotografien auf. Die Bilder sind angeschnitten oder überklebt. So entsteht ein Wiedererkennungseffekt, ein Loop zwischen dem Betrachten von Wandarbeiten und dem Buch. Eine besondere Rolle nehmen Zeitungen ein: in den Wandarbeiten, im Buch und in Röing Baer’s Gesamtwerk. Sie agieren als Vermittler von Echtzeit und globaler Realität, sind gleichzeitig aber, im Sinne des Untergangs der Printmedien, fast schon selbst Relikte. 

Eigens für die Ausstellung hat Lorenz O’Tool (Die Verlierer) einen Soundtrack komponiert. Dessen erster Track memories (free bird) geht auf eine frühe konzeptuelle Setzung Röing Baers zurück: Free Bird von Lynyrd Skynyrd als Ausgangsmaterial zu wählen. Diese Hymne des reaktionären amerikanischen Lebensgefühls kursiert nicht erst seit Donald Trumps Wiederwahl als kulturelles Meme. O’Tool verschiebt das Material ins Melancholische und spiegelt damit ein zentrales Motiv von Röing Baers Arbeit: das Festhalten an überkommenen Strukturen, das sich heute auch in der rechten Vereinnahmung des Begriffs Freiheit zeigt. Der zweite Track the oilfield knüpft atmosphärisch an ihre autofiktive Kurzgeschichte an, seine rhythmisch pulsierende Struktur, fast ein maschineller Herzschlag, erzeugt einen tranceartigen Sog.

Zu dem Buch erscheint eine Edition, die auf einem Nebenprodukt des Buchdrucks beruht: Makulaturbögen. Lisa Röing Baer hat diese Bögen aufgehoben und anschließend die befreundete Künstlerin Olga Hohmann gebeten, daraus eine Edition zur Publikation zu entwickeln. Diese sind mit Siebdruck bearbeitet. Dabei sind Typografie und Druck von Clara Dingel Guimarães. Während Röing Baer uns durch das Buch Zugang zu ihrem Archiv gibt, öffnete Hohmann ihr das eigene. Aus diesem stammen die beiden Textelemente, die silbern über der Makulatur schweben. In Rosa: das Motiv der Ölpumpe.

Vielen Dank für Eure Großzügigkeit und Expertise: Clara Dingel Guimarães, Matthias Gründig, Olga Hohmann, Thomas Spallek, Lorenz O’Tool, Mounira Zennia