Nils Ben Brahim

Die Lücke, die der Teufel lässt

24.4- 30.5.2026

24.4.2026, 5-8pm

Noch dem Vorwort vorangestellt befindet sich im 2005 erschienen Buch »Die Lücke die der Teufel lässt« von Alexander Kluge (1932-2026) eine Abbildung: 

»Fünf Maultiere, vom Wasser des Missouri eingeschlossen, warten geduldig auf ihre Befreiung.« 

E i n g e s c h l o s s e n.  W a r t e n.  G e d u l d i g.  B e f r e i u n g.

Das Bild zeigt die Tiere zusammengedrängt auf einer kleinen Insel, die aus den Wassermassen des Flusses hervortritt. Kein Ufer in Sicht. Mit unserem voyeuristischen Blick schauen wir auf die Katastrophe. Wir sehen sie und sie sehen uns. Wir beobachten einander. Doch wir bleiben beharrlich, während die Verzweiflung größer wird. Wir sind Beobachtende der Katastrophe.

E i n g e s c h l o s s e n.

Das Maultier gilt als eigenwillig, vor allem aber als belastbar und zäh. Ihre Intelligenz und Vorsicht wird fälschlich oft als Sturheit interpretiert. Tatsächlich zeigt sich in ihrer Widerständigkeit, die Fähigkeit, sich nicht blind unterzuordnen. Maultiere stehen für harte körperliche Arbeit, Transporte unter schwierigen Bedingungen, ein Attribut des proletarischen Lebens. In ihnen spiegelt sich Überleben und Pragmatismus wieder. Sie sind ein Dazwischen. Nicht zugehörig. 

W a r t e n.

Es zeigt sich eine stoische Ruhe im Antlitz der Natur. Die Tiere verkörpern die Akzeptanz einer Situation, die sie selbst nicht ändern können. Sie wenden keine Kraft mit unnötigem Widerstand auf, sondern müssen auf den Moment warten, in dem ihnen das Handeln wieder möglich wird.

Während das Wasser sie von Sicherheit isoliert, wird die Insel auf der sie stehen zu einem fragilen Boden. Sie sind auf sich allein gestellt. Ihre Lebensrealität getrieben von Hoffnung, Resignation und Warten. Doch ihr »Warten« impliziert, das es ein Danach geben wird. Wir werden befreit worden sein. 

G e d u l d i g.

»Die Angst der Tiere im obenstehenden Bild, ihre Geduld, die Wassermassen, was in den nächsten Tagen geschieht, alles das ist subjektiv-objektive, d.h. es besteht aus Tatsachen und aus lebendigen Antworten.«

In Kluges Interpretation finden wir die Brücke zwischen der harten Realität und dem Existenziellen. Sie macht verständlich, dass eine Situation nie nur durch das Äußere zu erfassen ist, sondern immer erst durch die Reaktion des Lebewesens vervollständigt wird. Das Objektive sind die unveränderlichen Fakten der Situation. Sie sind messbar und für jeden Beobachtenden gleich: Der Pegelstand, die Strömung, die Temperatur sind die physischen Bedrohungen, die wir als gegeben hinnehmen müssen. Die kleine Insel, auf der die Tiere stehen, ihre Entfernung zum rettenden Ufer, das alles sind die geografischen Umstände. Die Zeit, die »nächsten Tage«, in denen das Wasser entweder steigen oder sinken wird. Die biologischen Grenzen, gesetzt durch Hunger und Erschöpfung. 

 B e f r e i u n g.

Aber erst die Reaktion der Tiere entwickelt das Ereignis, das Subjektive, die »lebendigen Antworten«. Die Angst als Anerkennung der Gefahr. Dabei bedeutet Geduld nicht Passivität, sie ist  die Entscheidung, im Angesicht der Gefahr die Kontrolle über das eigene Handeln zu behalten. Das Ausharren, als Antwort, dem Wasser nicht durch Flucht, sondern durch Standhaftigkeit entgegenzutreten. Das Leben besteht nicht nur aus dem, was uns zustößt, sondern maßgeblich daraus, wie wir darauf antworten. Das Schicksal der Maultiere in den nächsten Tagen ist noch ungewiss, aber ihre »lebendige Antwort« ist bereits eine Tatsache für sich.

E i n g e s c h l o s s e n.  W a r t e n.  G e d u l d i g.  B e f r e i u n g.

Geschichten aus den Anfängen der Revolution. 

Im letzten Artikel, den Rosa Luxemburg verfaßte, bevor sie ermordet wurde behauptet sie, daß die Revolution, […] doch nie aufhöre zu wirken. Insofern sei es wichtig, meinte diese Frau, daß man diese Geschichten der Anfangszeit der Revolution, gleich ob sie für etwas Praktisches tauglich sind, aufbewahrt. Wie eine Flaschenpost. ¹

– Marla Heid 

 1 Alexander Kluge: Die Lücke die der Teufel lässt. Suhrkamp 2005. S. 631.